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Arbeit als Religion – Warum hören wir nicht einfach auf zu arbeiten?

4. Januar 2018 | Familie | Soziales | Psychologie | Gesellschaft | Wirtschaft | Finanzen | Der Tagesspiegel

Zugespitzt kann man festhalten: Die Menschen leben heute, um zu arbeiten, und ihnen wird vermittelt, dass sie arbeiten müssen, um zu leben. Doch was einst vom Schicksal verhängte Notwendigkeit war, ist für die reichen Gesellschaften in den Industrieländern ein irrationaler Selbstzweck geworden: Sie müssten längst nicht mehr so viel arbeiten, wie sie es tun. Doch die Anstrengungen sind durch einen gesellschaftlichen Apparat legitimiert, dessen Ziel und Sinnhaftigkeit weitestgehend schleierhaft bleiben. Wachstum ist das Schlagwort. Wann aber ist die Menschheit ausgewachsen? Um es zu verdeutlichen: Zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts arbeiteten 38 Prozent in der Landwirtschaft, dabei ernährte jeder Landwirt vier Personen. Heute arbeiten in diesem Sektor nur noch zwei Prozent, doch jeder einzelne Tätige ernährt 145 Personen. Auch auf der Konsumentenseite ist eine enorme Verschiebung erkennbar: Vor 100 Jahren betrug der Anteil der Ausgaben für Nahrungs- und Genussmittel am gesamten Konsum in Deutschland noch etwa 50 Prozent; heute beträgt dieser Anteil nur noch knapp über zehn Prozent.

Diese Zahlen lassen den ungeheuerlichen Wohlstand in unserer Gesellschaft erahnen. Umso befremdlicher wirkt der Blick auf die Wochenarbeitszeit in Deutschland: 1918 wurde der Acht-Stunden-Tag eingeführt. Auf sechs Tage verteilt, arbeitete man 48 Stunden, 2017 arbeitet der durchschnittliche Vollbeschäftigte an fünf Tagen immer noch 41 Stunden. Die ketzerische Frage: Wofür arbeiten wir noch, wenn offensichtlich ein Bruchteil der erbrachten Arbeitszeit reichen würde, um ein Leben in Würde zu ermöglichen?

Zweifellos sind noch immer zu viele Menschen prekär beschäftigt. In Deutschland hat sich die Erwerbsarmut, also die Anzahl, derjenigen, die trotz Arbeit arm sind, seit 2004 verdoppelt. Das verweist auch auf die miserable Verteilung des Wohlstands. Wir leben in einer Welt, die schon lange nicht mehr zu arm ist, um die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Armut und Elend könnten längst im globalen Ausmaß abgeschafft sein, dennoch hungern 800 Millionen Menschen.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Disziplin der Vollzeitbeschäftigung noch immer der zentrale Bezugspunkt des menschlichen Lebens in den westlichen Industrienationen. Ausbildung, Wohnort und Lebensplanung richten sich nach ihr aus. Die Einrichtung der Gesellschaft nach Maßstäben der Erwerbsarbeit scheint gegenüber jeder Form von Kritik immun. Immerhin legitimiert sie sich durch den höchsten Lebensstandard der Menschheitsgeschichte.

Die Logik von Produktion, Konsum und Wachstum rechtfertigt die fortwährende Beherrschung des Menschen durch verdinglichte Abläufe

Die Logik von Produktion, Konsum und Wachstum rechtfertigt die fortwährende Beherrschung des Menschen durch verdinglichte Abläufe: das unerbittliche Tempo des Fließbands, die hastige Routine des Büros, das ewige Ritual von Kauf und Verkauf. Viele Arbeitnehmer opfern dafür ihre Lebenszeit, ihr Bewusstsein und ihre Träume. Und die Gesellschaft verrät das bürgerliche Glücksversprechen von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden.

Zu keinem Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte war das Potenzial an Freiheit im Sinne einer Befreiung der Individuen aus gesellschaftlichen Zwängen größer als heute. Die notwendige, menschliche Arbeitszeit reduziert sich weiter stetig. Doch noch immer scheint nichts abwegiger als die Idee, das Leben könne mehr Genuss, mehr Hingabe, mehr zwecklose ästhetische Erfahrung oder intellektuelle Selbstreflexion ermöglichen.

Stattdessen ist die Gesellschaft weiter im rasenden Fortschritt begriffen. Es ist ein quantitativer Fortschritt, der neben Wachstumszahlen auch eine immer höhere Anzahl psychisch Kranker produziert. Qualitative Veränderung hingegen kündigt sich in dem an, was heute als Ausgleich zur fordernden Arbeitswelt gepriesen wird: Entschleunigung und Achtsamkeit. Sie verweisen auf unterdrückte menschliche Bedürfnisse nach Frieden, Ruhe, Stille und Schönheit. Und das nicht nur als Ausgleich zum Lebensinhalt Arbeit, sondern als Lebensinhalt selbst, als ein Dasein ohne Existenzangst. Niemand hat diese Vorstellung pointierter formuliert als der Philosoph Theodor W. Adorno: „Auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung, könnte an Stelle von Prozess, Tun, Erfüllen treten.“

58 Prozent der Deutschen sind laut einer aktuellen Umfrage für die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens (hier geht es zur Tagesspiegel Causa-Debatte: Grundeinkommen – Traum oder Träumerei), 38 Prozent der Befragten würden ihren Arbeitgeber oder Beruf wechseln, ihre Arbeitszeit verkürzen oder gar ganz aufhören. Die Arbeit als zentrale Kategorie des menschlichen Lebens scheint geschichtlich so überkommen wie die spätmittelalterliche Frömmigkeit vor Luther. Die materiellen und intellektuellen Errungenschaften der Menschheit haben die reale Möglichkeit ihrer Aufhebung geschaffen. Was uns dabei im Weg steht, ist der tief in der Gesellschaft verankerte Glaube an die Sinnstiftung von Lohnarbeit und die immer wieder propagierte Alternativlosigkeit zum Bestehenden. Dabei wusste doch schon das Geburtstagskind Marx: „Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört.“ Oder um es in Abwandlung eines berühmten Zitats des Theoretikers zu fassen: Wir haben nichts zu verlieren, außer unseren Job.

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