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Das vergessene Gift – Wie PCB uns alle belastet

4. August 2018 | Gesundheit | Ernährung | Medizin | Natur | Umwelt | YouTube

 

 

Auf erschreckende Weise zeigt der SWR-Dokumentarfilm «Das vergessene Gift. Wie PCB uns alle belastet» auf, «warum PCB auch 30 Jahre nach dem Verbot immer noch eine Gefahr ist, wer ein Interesse daran hat, dass dieser Giftstoff so in Vergessenheit geraten ist und wie wir uns schützen können».

Polychlorierte Biphenyle (PCB) sind in Deutschland seit 1989 (Schweiz 1986) verboten. Die Industriechemikalie, ein erfolgreiches Produkt des Chemiekonzerns Monsanto, ist krebserregend, reichert sich über die Nahrungskette an, stört den Hormonhaushalt und kann die Fortpflanzung von Mensch und Tier beeinträchtigen. 2004 verpflichteten sich Deutschland und die Schweiz mit dem Inkrafttreten der Stockholmer Konvention, PCB-haltige Materialien bis 2028 zu eliminieren. Doch die Realität sieht anders aus.

Tatort 1: Ein Schulhaus in Ludwigsburg. Staub glitzert im Gegenlicht des Schulzimmers. Die Kamera zoomt auf eine Fugendichtung, während eine Stimme erklärt:

«Versteckt hat sich das Gift in diesen unscheinbaren grauen Fugen. Doch da bleibt es nicht. Es gast kontinuierlich in die Luft der Klassenräume aus, heftet sich an Staubpartikel und wird eingeatmet.»

Die PCB-Konzentration in der Luft der Schulräume beträgt mehr als doppelt soviel, wie die in Ludwigsburg verwendete Richtlinie (Seite 3) als «langfristig tolerabel» bezeichnet (Messung: 700 ng/m3 PCB, langfristig tolerabel: 300 ng/m3).

 

 

Gedächtnislücken bei den Behörden

Die Eltern sind empört und fordern Massnahmen. Doch die Behörden zweifeln lieber Grenzwerte an, statt eine Strategie zu diskutieren, wie PCB aus den Schulräumen entfernt werden könnte – in denen notabene das PCB in der Luft bereits vor 20 Jahren festgestellt und dann wieder vergessen wurde, wie der Bürgermeister gegenüber dem SWR-Team einräumen musste.

Vergessen ging das PCB auch beim Gesundheitsamt Ludwigsburg. «Man hätte was machen müssen», räumt heute Leiter Thomas Schönauer ein, um dann sofort zu relativieren. Die deutlich über dem tolerablen Vorsorgewert liegende PCB-Konzentration in den Schulzimmern hätten «keine toxikologische Relevanz»:

«Bei diesen Werten, die hier jetzt gemessen wurden, ist bisher nichts bekannt, das langfristig relevante Schäden entstanden sind.»

Brisant dabei: Doku-Autor Florian Nöthe zitiert eine Analyse (Seite 66) des deutschen Umweltbundesamts aus dem Jahr 2015, die festhält, dass die PCB-Belastung in der Luft gesenkt werden müsse. Gestützt auf Berechnungen der Weltgesundheitsorganiation (WHO) von 2003 sei bereits ab 60 ng PCB/m3 Luft eine Sanierung zwingend notwendig.

Schlendrian auch in der Schweiz

Auch in der Schweiz sind laut Berechnungen der ETH immer noch 217 Tonnen PCB in Gebäuden und Elektrogeräten verbaut. Das machte diesen März die Zeitschrift «Beobachter» publik («PCB. Das Gift, das man vergessen möchte»). Besorgniserregend ist dabei, dass die Behörden nicht wissen wo genau das PCB-Gift steckt. So konnte es passieren, dass eine PCB-verseuchte Stallwand Kalbsfleisch kontaminierte.

Die Öffentlichkeit wurde darüber nicht informiert, wie Recherchen des «Beobachters» zeigten. Ob es ein Einzelfall oder die Spitze eines Eisbergs ist, wollte bisher auch niemand wissen. Seit dem Fund 2014 haben die Behörden keine weiteren Ställe überprüft (siehe «Infosperber»: PCB-Sanierungen: Bund und Kantone sind gefordert und «Beobachter»: Gift im Fleisch – und niemand tut etwas).

 

 

Konzentrationsstörungen, Organschäden, Depression

Tatort 2: Die SWR-Dokumentation erzählt auch die unglaubliche Geschichte eines Recycling-Skandals in Dortmund, der Deutschland ab 2010 während Jahren beschäftigte und der fast spurlos an den Schweizer Medien vorüberzog. Gerade mal ein Artikel in der NZZ lässt sich dazu im Schweizer Medienarchiv (SMD) finden.

Im Mittelpunkt steht die Recycling-Firma Envio, die bis 2004 der schweizerisch-schwedischen ABB gehörte. Das Unternehmen hatte sich darauf spezialisiert, alte Transformatoren zu zerlegen und das gewonnene Altmetall weiterzuverkaufen. Die Transformatoren enthielten jedoch häufig als Kühlmittel ein PCB-haltiges Öl, dem die Envio-Angestellten teilweise ohne Atemschutz oder Schutzanzug ausgesetzt waren.

«Man arbeitete in einer Halle, die warm ist, die heiss ist, die eine schlechte Belüftung hat. Wenn mal wieder alles unter dichtem Dampf und Staub steht, da denkt man sich nichts dabei.»

So schildert der ehemalige Angestellte Yasar Turkan dem SWR seinen damaligen Arbeitsplatz. Drei Jahre lang arbeitete der heute 51-jährige bei Envio und spürte bald gesundheitliche Folgen: Ständige Erkältungen und Kopfschmerzen. In seinem Blut findet sich heute 500 Mal mehr PCB als üblich. Turkan leidet laut dem SWR unter Wortfindungsstörungen, Konzentrationsproblemen, Organschäden und einer Depression. Nach mehreren Meldungen schlossen die Behörden 2010 den Betrieb.

Frührentner Turkan ist Teil der PCB-Studie «Health Effects in High-Level Exposure to PCB» der Universitätsklinik Aachen, die aufgrund des Envio-Skandals ins Leben gerufen wurde. Teil der Langzeitstudie waren 2015 über 150 Erwachsene, die durch Envio mit PCB belastet wurden, darunter Mitarbeiter, Angehörige und Angestellte umliegender Firmen.

Geforscht wird unter anderem zum Zusammenhang von PCB-Belastung und Depression, unter der wie Turkan zahlreiche Envio-Angestellte leiden. Hinzu kommt die Angst vor Langzeitfolgen. PCB stehe im Verdacht Diabetes auszulösen und gilt als gesichert krebserregend, sagt Thomas Kraus, Leiter der PCB-Studie. Er macht gegenüber dem SWR wenig Hoffnung auf Heilung: «Mit vertretbarem Aufwand ist es nachhaltig eigentlich nicht möglich schnell grössere Mengen PCB aus dem Körper rauszubringen. Eine wichtige Schlussfolgerung daraus ist, dass Prävention das Wichtigste ist.»

 

 

PCB-Skandal endete mit Persilschein der Justiz

Was zuerst ein grosser Umweltskandal war, endete 2017 mit der Einstellung des Gerichtsverfahrens. Angeklagt waren der Envio-Geschäftsführer sowie der Betriebsleiter wegen Körperverletzung und Verstoss gegen Umweltgesetze. Nach zig Gutachten kamen die Richter zum Schluss, dass nicht nachweisbar sei, ob PCB die Mitarbeiter krank gemacht habe. Das Verfahren endete ohne Schuldspruch und mit einer Zahlung von 80’010 Euro an 21 Mitarbeiter, die vor Gericht gegangen waren. Das macht pro Person mickrige 3810 Euro.

Keine Rolle spielte offenbar, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2013, drei Jahre nach der Stilllegung des Dortmunder Recyclingbetriebs, PCB für krebserregend erklärt hatte. Die WHO hatte dafür diverse Studien über Arbeiter in PCB-Fabriken analysiert, die Transformatoren und Kondensatoren mit Isolierflüssigkeit füllten (siehe Interview mit der Forscherin Nancy Hopf im «Beobachter»).

Das Fazit der PCB-Dokumentation des SWR: «PCB verseucht unsere Luft und unsere Nahrung. Wer einmal krank ist, hat aber kaum eine Möglichkeit zu beweisen, dass PCB schuld ist.»

Dort, wo Arbeiter ungestraft einer massiven PCB-Belastung ausgesetzt werden durften, begannen im Mai die letzten Sanierungsarbeiten. Laut den «Ruhr Nachrichten» wurden die Dortmunder Envio-Hallen aufwändig unter Unterdruck gesetzt, damit kein Staub entweichen kann. Saniert wird – wie bei solchen Fällen üblich – im Schutzanzug und mit Sicherheitsschleuse.

 

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