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Der Organhandel ist einer der grausamsten illegalen Märkte. Männer, Frauen und Kinder werden gefangen, getötet ausgeschlachtet oder unter falschen Versprechungen gelockt, um an Organe zu kommen, mit denen man Unsummen gewinnen kann. Bilder: Operationsbild: Pexels, Herz: Medical Graphics CC BY-ND 4.0

Das widerliche Geschäft mit dem illegalen Organhandel

24. März 2019 | Gesundheit | Ernährung | Kriege | Revolutionen | Medizin | Wirtschaft | Finanzen | connectiv.events

November 2008 im Flughafen von Pristina, der Hauptstadt des Kosovo. Der Türke Yilmaz Altun bricht im Flughafengebäude zusammen und liegt auf dem Boden. Der 23-Jährige wartete auf seinen Rückflug. Bei der Untersuchung des angeschlagen wirkenden, jungen Mannes entdeckten die Behörden eine große frische Wunde, die sich auf der Haut seines Unterleibs schlängelte. Seine linke Niere war verschwunden.

Altun sagte der Polizei, er habe das Organ in einer Klinik namens Medicus am Stadtrand gespendet. Ein Makler in Istanbul hatte Altun eine großzügige Summe für die Niere angeboten. Später erzählte er, dass er im selben Raum lag, wie der Empfänger seiner Niere – ein 74-jähriger Israeli -, der ungefähr 145.000 Dollar  für das Organ bezahlt hatte. Das berichtete der Guardian im Jahr 2010. Der Zusammenbruch des jungen Mannes war der erste Dominostein, der zu weiteren, aber schwierigen Ermittlungen in einem internationalen Markt für Organe aus dem Balkan führte. Verzweifelte Spender, hauptsächlich aus der Türkei und der ehemaligen Sowjetunion, stellten ihre Organe zur Verfügung. Die Käufer, viele aus Israel, zahlten zwischen 80.000 und 100.000 Euro (96.000 bis 120.000 US-Dollar) für die Nieren. Internationale Staatsanwälte sollten später feststellen, dass während acht Monaten im Jahr 2008 mindestens 23 Personen bei Medicus ihre Nieren entnehmen ließen. Nierenspender aus Israel, Russland, Weißrussland, Weißrussland, Kasachstan, Rumänien und der Türkei erhielten die bescheidene Summe von rund 10.000 Euro. Die Operationen wurden nicht gut durchgeführt, bei allen Spendern war eine deutliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes zu verzeichnen, berichtet die Times of Israel.

„Das einzige Motiv für diese Ausbeutung von Armen und Bedürftigen waren unverschämt hohe Profite und menschliche Gier“, sagte Jonathan Ratel, ein Staatsanwalt der Europäischen Union im Kosovo, 2013 gegenüber der Irish Times. „Das ist eine grausame Abernten der Armen.“

Trotz der Ermittlungen konnten die Hauptakteure der Medicus-Operation der Justiz lange entkommen. Doch endlich wurden sie gefasst und so verlautbarten die Behörden in Pristina, dass Moshe Harel, ein israelischer Staatsbürger, auf Zypern festgenommen worden sei, berichtete Reuters. Moshe Harel wird beschuldigt, der Agent zu sein, der die Spender rekrutiert. Er wird seit 2010 von Interpol wegen Menschenhandels und vorsätzlicher beibringung schwerer Verletzungen gesucht. Auch in Russland wird er mit Haftbefehl wegen der gleichen Verbrechen gesucht.

Der Organraub ist in der Region aufgrund der Geschichte des Kosovokrieges ein besonders heikles Thema. Nachdem ein Bericht des Europarates aus dem Jahr 2010 Guerillakämpfer des Organraubs an Serben im Kosovo-Krieg 1998-1999 beschuldigte, wurde ein internationales Gericht eingesetzt, berichtete Reuters. Die Anklagen sind noch nicht konkretisiert worden, und doch sind diese Gerüchte immer noch Teil des  quälenden Erbes dieses Krieges. In dem Bericht des Europarates wurde behauptet, dass die Anführer der Kämpfer für die Unabhängigkeit des Kosovo für den Tod von Hunderten von Serben, Roma und ethnischen Albanern verantwortlich waren, die im Verdacht standen, mit den Serben zusammenzuarbeiten. Deren Organgane sollen geraubt und verkauft worden sein im Zeitraum des Kosovo-Krieges 1998-1999, in dem etwa 10.000 Menschen starben und 1.700 vermisst blieben.

Nur Stunden nach dem Zusammenbruchdes des jungen Türken auf dem Flughafen in 2008, stürmten die örtlichen Behörden die Medicus-Klinik. Dort entdeckten die Ermittler Aufzeichnungen über zahlreiche Nierenverpflanzungen. Viele Klienten reisten aus der ganzen Welt für die illegal entnommenen Organe an, darunter Kanada, Deutschland und Polen, .

Dem Guardian zufolge soll die Medicus-Klinik von dem prominenten, kosovarischen Urologe Lutfi Dervishi und seinem Sohn Arban geleitet worden sein. Die Eingriffe in der Klinik wurden angeblich von Yusuf Ercin Sonmez durchgeführt, einem türkischen Chirurgen, der in seiner Heimat unter dem wenig vertrauenerweckenden Namen „Doktor Geier“ bekannt wurde, nachdem ihm wegen seiner Rolle im illegalen Organhandel die Zulassung als Arzt entzogen worden war. Moshe Harel sei in diesen Fällen „eine Schlüsselfigur für den Bereich Menschenhandel und organisierte Kriminalität“ als prominenter Vermittler oder Agent gewesen, stellten die Richter später festgestellt, berichtete die Irish Times.

„Die Medicus-Klinik war nur eine in einem Netzwerk von Kliniken, die von Sonmez, Harel und anderen betrieben wurden“, erklärte Staatsanwalt Ratel gegenüber der Times im Jahr 2013. „Wir haben Kliniken in Aserbaidschan und anderen Orten gefunden, und wir glauben, dass es in Südafrika eine gibt.“ Moshe Harel wurde 2008 im Laufe der Ermittlungen gegen Medicus festgenommen. Er wurde später freigelassen und verschwand daraufhin. Sonmez konnte nicht gefunden werden. Im Jahr 2010 wurden beide Männer von Staatsanwälten der Europäischen Union angeklagt, schrieb die israelische Zeitung Haaretz. Dervishi und sein Sohn wurden ebenfalls angeklagt und plädierten auf „nicht schuldig“. Im Jahr 2013 befanden die Richter beide Dervishis sowohl der organisierten Kriminalität als auch des Menschenhandels für schuldig. In ihrem Urteil stellten die Richter fest, dass die Männer hinter Medicus absichtlich arme Menschen in diese Organentnahme-Operationen gelockt hatten.

„Ihnen wurden bescheidene Geldsummen versprochen, normalerweise im Bereich von 10.000 Dollar … als Gegenleistung für ihre Niere. Die meisten wurden getäuscht, eine Nierentransplantation im Kosovo sei legal, obwohl dies nicht der Fall ist“, stellten die Richter der Irish Times zufolge in ihrem Urteil fest. „Mehreren Spendern wurden aber nicht so viel ausgezahlt, wie versprochen wurde, und mindestens zwei wurden um die gesamte Summe betrogen und gingen ohne Geld und nur mit einer Niere nach Hause. Einige Spender leiden unter anhaltende Gesundheitsproblemen.“

Lutfi Dervishi und sein Sohn Arban wurden zu acht bzw. sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Sie flohen. Im Jahr 2016 wurde Lutfi Dervishi erneut festgenommen. Sein Sohn bleibt verschwunden, ebenso wie der türkische Chirurg Sonmez. 2017 hob der Oberste Gerichtshof des Kosovo die Verurteilungen von 2013 wegen „Unregelmäßigkeiten bei den Verfahren“  auf. Die Staatsanwaltschaft nahm Lutfi Dervishi erneut in Haft, und der angebliche Agent Moshe Harel könnte ihm bald Gesellschaft leisten. Die Behörden des Kosovo bestätigten gegenüber Reuters, dass Zypern einen offiziellen Antrag auf Auslieferung von Moshe Harel gestellt habe. (Quelle: https://www.washingtonpost.com/news/morning-mix/wp/2018/01/08/a-cruel-harvest-of-the-poor-israeli-allegedly-behind-human-organ-black-market-arrested-in-cyprus)

Aber auch Israel spielt anscheinend eine Rolle im internationalen Organraub und Organhandel. Robrecht Vanderbeeken ist Universitätsdozent und leitender Angestellter einer der wichtigsten belgischen Gewerkschaften. Ihm zufolge soll Israel Palästinenser vergiftet haben und palästinensische Kinder getötet haben, um Organe zu entnehmen und zu verkaufen. Robrecht Vanderbeeken ist der Kultursekretär der ACOD-Gewerkschaft und ein Wissenschaftsphilosoph, der der „Vrije Universiteit Brussel“ angehört. Sein von Israel vehement bestrittener Beitrag wurde im August auf der linken Nachrichtenseite De Wereld Morgen veröffentlicht. Daraufhin erhielt erhielt das „Interfederal Center for Equal Opportunities“ (UNIA), eine staatliche Einrichtung zur Beobachtung und Verhinderung von Rassismus, eine Beschwerde über Vanderbeeken. Ein Leser namens Wilfried van Hoof befand seinen Text für antisemitisch.

Vanderbeeken hatte geschrieben: „Die Bevölkerung von Gaza, die eine Grenze zu Israel und Ägypten hat, wird „ausgehungert, vergiftet und die Kinder wegen ihrer Organe entführt und ermordet“. Die Zeitung „De Wereld Morgen“ strich daraufhin den Teil mit dem Organraub aus dem Beitrag. Dennoch beschuldigte die Seite Israel weiterhin, „palästinensische Kinder“ zu ermorden und zu „entführen“. Es wurde auch weiterhin behauptet, dass Israel Organe von Palästinensern benutzt, die von Israels Streitkräfte getötet wurden. Der Herausgeberdes Mediums beschloss allerdings, „keine Kausalität zwischen Entführung und Ermordung von Kindern durch die israelische Besatzungsarmee und der Entfernung von Organen für Transplantationen anzudeuten“. Im Jahr 2009 löste die schwedische Tageszeitung Aftonbladet Proteste israelischer Regierungsvertreter und jüdischen Führer aus. Aftonbladet veröffentlichte eine unbestätigte Meldung, wonach israelische Soldaten Organe von inhaftierten Palästinensern entnommen haben. Israel bestritt die Anschuldigung entschieden.

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