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Buschmann in Zentralafrika, Bild: Pixabay

Der Genetiker David Reich löst in den USA einen Intellektuellen-Streit über Erbgut und Rassen aus

24. April 2018 | Geschichte | Psychologie | Gesellschaft | Wissenschaft | Forschung | NZZ

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse rütteln an der These, dass es zwischen menschlichen Populationen keine allzu grossen Unterschiede gäbe. Womöglich ist «Rasse» doch mehr als eine soziale Konstruktion?

Wir alle sind auch Abkömmlinge der Neandertaler: Wir tragen zu rund zwei Prozent das Erbgut unserer Verwandten in uns, die seit ihrer Entdeckung 1856 als primitive Vormenschen galten. Zu dieser Erkenntnis kamen die Genetiker in den letzten zehn Jahren. Sie schlossen aus den Spuren, die sich in unserem Erbgut finden, dass die kleine Gruppe von Homo sapiens, die aus Afrika auszog, vor 50 000 Jahren im Nahen Osten mit Neandertalern Kontakte pflegte, auch sexuelle. Deshalb geben die modernen Menschen auf allen Kontinenten die Gene der verachteten Verwandten weiter – ausser in Afrika, wo sich Homo sapiens in seiner unvermischten Form durchsetzte.

Angenommen, es wäre umgekehrt: Die Europäer, die Asiaten und die Amerikaner würden den modernen Menschen in seiner reinen Gestalt verkörpern, nur die Afrikaner das primitive Erbe der als minderwertig angesehenen Neandertaler weitergeben. Liesse sich ein solcher Befund in einem akademischen Klima veröffentlichen, das die Erkenntnis ängstlich der politischen Korrektheit opfert? Über solchen Fragen tobt derzeit in den USA ein Streit unter Intellektuellen.

Ein echter Sturm

Den Anlass dazu gab der Genetiker David Reich, der als Professor an der Harvard Medical School an «Ancient DNA» forscht, also an Erbgut aus Zehntausenden Jahre alten Skeletten. Er machte mit seinem Labor bei den meisten Studien mit, die in den letzten Jahren für Schlagzeilen sorgten, ob er den Paarungen von Sapiens und Neandertalern nachspürte, das Verschwinden der Kultur von Stonehenge mit einer Einwanderung aus der Steppe nach England erklärte oder aufgrund der genetischen Verwandtheit von Franzosen und Indianern eine bisher unbekannte «Geister-Population» in Sibirien als Ahnen annahm – was sich wenig später mit einem 24 000 Jahre alten Fund bestätigte.

Reich schrieb dazu für das Massenpublikum ein Buch, das in diesem Monat herauskam: «Who We Are and How We Got Here. Ancient DNA and the New Science of the Human Past». Und er warb dafür vor Ostern mit einem Editorial in der «New York Times»: «How Genetics is Changing our Understanding of ‹Race›». Damit brach der Sturm los.

Die Anführungszeichen bei «Rasse» zeugen davon: David Reich hütet sich, Emotionen zu schüren. Er stammt selber aus einer Familie von Aschkenasim, also jenen Juden, die im Spätmittelalter, aus Westeuropa verjagt, vor allem im Königreich Polen-Litauen siedelten. Sie erlitten dabei, was die Evolutionsbiologen einen «Bottleneck» nennen: Nur eine kleine Gruppe überlebte die Vertreibung in den Osten, aber sie vermehrte sich danach stark – allerdings aufgrund der Inzucht auch mit Erbkrankheiten.

Das genetische Wissen nützen heute jüdische Heiratsvermittler in den USA und in Israel, um Paare mit identischer Mutation zu vermeiden. In anderen Ländern und vor allem in den Sozialwissenschaften sind solche Erkenntnisse jedoch verboten, denn das Dogma herrscht: Es darf keine genetischen Unterschiede zwischen Populationen, Nationen oder gar Rassen geben, die das Leben des Individuums prägen. Mit Schaudern erinnert sich David Reich deshalb in seinem Editorial daran, dass James Watson, der Entdecker der DNA, bei einem Kongress frotzelte: «Wann findet ihr Juden endlich raus, warum ihr gescheiter seid als alle anderen?» (Wegen der jahrtausendelangen Selektion für Gelehrtheit, wie der Nobelpreisträger meinte.)

Die Orthodoxie

Die Orthodoxie, gegen die sich James Watson versündigte, begründete 1972 der Genetiker Richard Lewontin. Er ordnete zwar die Populationen, deren Blutproteine er untersuchte, in sieben «Rassen» ein, von Afrikanern bis Australiern. Aber er stellte auch fest, er finde 85 Prozent der Variation innerhalb der Populationen oder «Rassen» und nur 15 Prozent dazwischen, es gehe also um Unterschiede zwischen Individuen. Seither galt, wie David Reich schreibt, das Dogma: «Es gibt zwischen menschlichen Populationen keine so grossen Unterschiede, dass sich das Konzept von biologischen Rassen halten liesse – Rasse ist ein soziales Konstrukt, das sich wandelt.»

Mit seinen faszinierenden Studien, die er im Buch eingängig erklärt, bietet der Genetiker zunächst einmal Argumente für die Orthodoxie. Denn er zeigt: «Die Menschen, die heute an einem Ort leben, stammen fast nirgends ausschliesslich von den Menschen ab, die in der fernen Vergangenheit an diesem Ort lebten.» Ausser wenigen Urvölkern wie den San in der südafrikanischen Kalahari gingen alle Populationen aus Wanderungen hervor, bei denen es auch immer zu Sexualkontakten kam.

So finden sich im Erbgut der Westeuropäer die Spuren ganz verschiedener Populationen: der Jäger und Sammler, die sich vor 50 000 Jahren entlang dem Mittelmeer ausbreiteten und später vom Kaukasus aus nach Westen vordrangen; der Bauern, die vor 8800 Jahren von Anatolien aus weiterzogen; schliesslich des Reitervolkes aus der Steppe, das im dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung den Kontinent so überrannte, dass es das Erbgut der Westeuropäer prägte. Und dazu kommt eben die Erinnerung an die Paarungen mit den Neandertalern, die rund 300 000 Jahre in Europa lebten. Deshalb, meint David Reich, stimmt das Bild eines Stammbaums des Menschen nicht: «Es gab nie einen einzigen Stamm – seit je sehen wir Mischungen.»

Das Skandalon

Allerdings kommt der Genetiker, auch wenn er nur diesen Wanderungen nachspürt, zu unerwünschten Erkenntnissen. Dies gerade bei den Jamnaja, die vor fünftausend Jahren aus der Steppe nördlich des Schwarzen Meeres nach Westeuropa, aber auch nach Nordindien vordrangen: Diese «Kaukasier» setzten nicht nur ihre Sprache durch, die Urform der indogermanischen Familie, sondern auch ihre Gene, weil sich die einziehenden Männer mit zahllosen einheimischen Frauen paarten.

Der Rigveda als heiliges Buch der Hindu erinnert an die Invasion dieses Herrenvolks, es heisst dort: Arier. Das Interesse der Nazis an der Verbreitung der indogermanischen Sprachen durch Migration habe es für europäische Forscher schwierig gemacht, darüber nachzudenken, weiss David Reich. Aber auch bei seinen indischen Partnern stiess er auf empörte Ablehnung: Die Politik in Indien besteht darauf, dass die Hochkultur, die heute noch die höchsten Kasten prägt, nicht aus der Fremde stammen kann.

In den USA erregt David Reich aber nicht damit die Gemüter, sondern mit seinen schüchternen Gedanken zu den «Rassen». Warum zum Beispiel, fragt er, findet sich in allen Finalisten des 100-Meter-Laufs an den Olympischen Spielen seit 1980 das Erbgut aus Westafrika? In den letzten Jahren haben Studien gezeigt, dass es zwischen Populationen genetische Unterschiede gibt, die nicht nur die Hautfarbe bestimmen, sondern auch die Körpergrösse, die Krankheitsanfälligkeit oder eben die Fähigkeit, schnell zu laufen.

«Ich mache mir Sorgen», schreibt David Reich, «dass wohlmeinende Leute, die die Möglichkeit von biologischen Unterschieden zwischen Populationen bestreiten, sich in einer Position eingraben, die sich gegen den Ansturm der Wissenschaft nicht verteidigen lässt.»

Afrikaner sind nicht gleich Afrikaner. Hier gibt es ebenfalls eine Völkervielfalt mit jeweisl verschiedenen Kulturen, Sprachen und auch sehr unterschiedlichem Äußeren.

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Quelle:

NZZ

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