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Die Antisemitenmacher oder wie Kritik an der Politik Israels verhindert wird

30. September 2017 | Politik | Geo-Politik | YouTube | nachdenkseiten

Wer die israelische Politik kritisiert, wird schnell als Antisemit gebrandmarkt. Das gilt auch für eine Vielzahl von Juden. Abraham Melzer zeigt in seinem neuen Buch „Die Antisemitenmacher“, das am Montag im Westend Verlag erscheint, wie der Antisemitismus-Vorwurf missbraucht wurde und wird – und wem das nützt. Michael Kohlstruck vom Zentrum für Antisemitismusforschung bezeichnet das Buch als „einen wichtigen Debattenbeitrag“, und Moshe Zuckermann hat das Vorwort dazu verfasst, das wir vorab exklusiv auf den NachDenkSeiten bringen. Von Moshe Zuckermann[*].

Der Begriff »Antisemitenmacher« ist beredt. Er verweist auf ein absichtsvoll Konstruiertes in der Auffassung des Antisemitischen, mithin auf die ideologische Grundlage der instrumentalisierenden Verwendung des Begriffs. Darin liegt seine provokante Dimension. Denn während nach 1945 der rigorose Kampf gegen den Antisemitismus zum zivilgesellschaftlichen Auftrag geronnen ist, zu einem unhinterfragbaren Muss eingedenk dessen, was in Auschwitz geschah, indiziert »Antisemitenmacher«, dass diese Notwendigkeit auch zu fremdbestimmten Zwecken vereinnahmt und – vom eigentlichen Kampf gegen das zu Bekämpfende abweichend – in einer Weise eingesetzt werden kann, dass die emanzipative Ausrichtung des Kampfes gegen den Antisemitismus heteronom eingefärbt, mithin völlig ausgehöhlt werden mag.

Dass sich darin ein struktureller Verrat am wirklich notwendigen Kampf gegen den Antisemitismus vollzieht, ist an sich schon so verwerflich, dass man es bei der generellen Verurteilung des Phänomens der manipulativen Vereinnahmung belassen könnte. Da aber das Phänomen im deutschen politischen Diskurs mittlerweile die Dimensionen einer Seuche angenommen hat, ist es notwendig, Motive und Gründe für die unbegreifliche Verbreitung dessen, was mittlerweile nichts anderes als eine perfide Verhunzung der vorgeblichen Gedenkemphase darstellt, zu erörtern. Zu zynisch sind die zunehmende Verhinderung von israelkritischen Veranstaltungen im deutschsprachigen Raum, die erzwungenen Raumverbote für deren Durchführung, die orchestrierten Besudelungs- und Verleumdungskampagnen im Internet und die daraus folgende Unterwanderung der freien Meinungsäußerung und des legitimen politischen Kampfes, als dass man diese Erscheinungen indifferent hinnehmen und zur Tagesordnung übergehen könnte. Das, unter anderem, macht die hohe Relevanz des vorliegenden Bandes aus.

Das Aufkommen der Antisemitenmacher und die seuchenartige Verbreitung ihrer öffentlichen Praxis wurzelt in den Motivationen verschiedener, vom Ziel her freilich miteinander verbandelter Gruppen bzw. sozialen und politischen Sphären, die idealtypisch wie folgt charakterisiert werden können. Da wären zunächst die jüdischen Gemeinden in Deutschland. Diese fristen noch seit der BRD-Nachkriegszeit ein prekäres jüdisches Dasein, denn nicht nur sahen sie sich zu Beginn als nicht zu Deutschland gehörig (legendär ist das Postulat vieler ihrer damaligen Mitglieder, sie säßen »auf den Koffern«, will heißen: sie sähen weder ihre eigene noch die Zukunft ihrer Kinder in Deutschland), sondern sie mussten es auch hinnehmen, dass sie unter allen diasporischen Gemeinden der Welt in den Augen fast aller jüdischen Israelis als die schändlichsten galten: Wie können Juden nach der Shoah im Land der Täter leben? – fragte man, wobei freilich in der Frage selbst schon eine Art zionistische Selbstvergewisserung angelegt war. Nicht zuletzt dieser jüdische »Blick von außen« generierte die Grundmatrix eines latenten Schuldgefühls unter den in der alten Bundesrepublik lebenden Juden. Denn selbst wenn sie nicht dezidiert zionistisch ausgerichtet waren, mussten sie sich vor sich selbst eingestehen, dass sie, nahezu allesamt Holocaust-Überlebende aus dem osteuropäischen Raum, mit ihrem schieren Dasein in Deutschland eine lebensgeschichtliche Entscheidung getroffen hatten, die nicht nur in den Augen anderer Juden, sondern auch im eigenen Selbstverständnis eine Dimension moralischer Verworfenheit beinhaltete. Diese musste kompensiert werden, und nichts konnte dem dienlicher sein als eine rigorose Solidarität mit Israel. Es war absurd: Das Judenland, dem sie fremd waren und das sie zutiefst verachtete, weil sie ein diasporisches Leben im Land ihrer Verfolger gewählt hatten, gerann ihnen zur Projektionsfläche des Wettmachens ihrer ideologisch unannehmbaren Lebensentscheidung – Israelliebe als Entschädigung für die ideelle Unwirtlichkeit eines Lebens in Deutschland.

Schon in dieser Solidarität mit Israel der in Deutschland lebenden Juden sedimentierte sich, was der Zionismus ideologisch intendierte und den in der Diaspora lebenden Juden einzubläuen trachtete: die Gleichsetzung von Judentum, Zionismus und Israel als einer nicht auseinanderzudividierenden Triade. Mochten sich die zweite und dritte Generation der in Deutschland lebenden Juden in ihren realen Lebenswelten nach und nach noch so etabliert haben und ihr Dasein in Deutschland für legitim erachten, die ideologische (wohl auch kollektiv-psychisch zu erklärende) Verinnerlichung des Konnex von Judentum – Zionismus – Israel hatten sie solchermaßen vollzogen, dass sie auch zu dezidierten Platzhaltern der negativen Umkehrung der ideologischen Vermengung avancierten, namentlich der bewusst undifferenzierten Gleichsetzung von Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik.

 

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