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Obdachlosigkeit in Deutschland: „Wir haben ein Riesenproblem“

22. Dezember 2017 | Familie | Soziales | Psychologie | Gesellschaft | Wirtschaft | Finanzen | Der Spiegel

Hunderttausende Menschen haben in Deutschland keine Wohnung, viele leben auf der Straße – Tendenz steigend. Woran liegt das?

Kein eigenes Bett, keine Küche, keine Toilette: Obdachlose in Deutschland müssen auf das verzichten, was für andere Menschen selbstverständlich ist. Die Not der Betroffenen ist riesig, verbirgt sich jedoch meist in Parks, unter Brücken oder hinter Gebüsch. Es ist ein Schatten-Dasein – in jeder Hinsicht.

Wie viele Menschen in Deutschland keine Wohnung haben und woher sie kommen, erfasst keine offizielle Statistik. Es gibt nur Schätzungen, etwa aufgrund von Erfahrungen in Hilfeeinrichtungen. Danach hat sich das Problem in den vergangenen Jahren drastisch verschärft und wird künftig noch viel größere Ausmaße annehmen. Eine Annäherung.

Die Zahlen

52.000 Menschen waren im vergangenen Jahr obdachlos, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW). Sie übernachteten regelmäßig im Freien. Im Vergleich zum Jahr 2014 ist das ein deutlicher Anstieg. Damals gab es 39.000 Betroffene.

Nach Schätzungen der BAGW stammt in Deutschlands Großstädten rund die Hälfte der Obdachlosen aus Osteuropa. Viele Städte würden sich vor der Verantwortung drücken und auch im Winter keine Notquartiere anbieten, sagt Rosenke. Aber selbst wenn es solche Angebote gebe, müssten die Menschen im Frühjahr wieder auf die Straße. „Sie verwahrlosen und verelenden dort. Das ist unmoralisch.“

Noch drastischer sind die Zahlen, wenn man auch Wohnungsnot berücksichtigt: Die BAG unterscheidet Obdachlose, die auf der Straße leben, und Wohnungslose, die sich akut mit Notlösungen behelfen. Sie schlafen bei Freunden oder Bekannten, finden immer wieder irgendwo anders Unterschlupf, auch in staatlich finanzierten Wohnheimen.

 

Zählt man diese Wohnungslosen dazu, kommt die BAGW insgesamt auf rund 440.000 Betroffene, 73 Prozent davon Männer. Unter akuter Wohnungsnot leiden aber auch Kinder und Jugendliche – rund 32.000.

Zwölf Prozent der Wohnungslosen stammen den Angaben zufolge aus anderen Ländern der Europäischen Union, vor allem aus Osteuropa. In ihrer jüngsten Schätzung berücksichtigt die BAGW zusätzlich anerkannte, wohnungslose Flüchtlinge. Addiert man diese Menschen zu den übrigen Wohnungslosen hinzu, kommt die BAGW insgesamt auf 860.000 Betroffene.

„Unsere Schätzung basiert auf diversen statistischen Quellen und qualitativen Einschätzungen und auch auf den Erfahrungen in unseren Anlaufstellen“, sagt die Sprecherin der BAG W, Werena Rosenke. Die Tendenz sei jedoch eindeutig: „Die Wohnungsnot wird immer schlimmer. Wir haben hier ein Riesenproblem.“

Die Ursachen

Manchmal sind es individuelle Probleme, die zum Verlust der Wohnung führen: Scheidung, Jobverlust, Überschuldung. Ausschlaggebend sind jedoch allgemeine, strukturelle Ursachen: „Das Hauptproblem ist: Es fehlt bezahlbarer Wohnraum“, sagt Werena Rosenke, Sprecherin der BAGW.

Der Bestand an Sozialwohnungen sei in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft, staatlich geförderte Wohnungen habe der Staat an private Investoren verkauft, gleichzeitig hätten sich Mietpreise auf dem freien Markt rasant nach oben entwickelt. Wohnungen sind damit für viele Menschen schlicht zu teuer. Rosenke kritisiert eine „vollständig verfehlte Wohnungspolitik“ in der Vergangenheit, die sich nun nicht kurzfristig korrigieren lasse.

Die Zahl der Arbeitslosen sei zwar vergleichsweise niedrig, sagte Rosenke, verweist aber auf die große Gruppe der „Working poor“: Menschen, die arbeiten, aber so wenig verdienen, dass sie kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten können, geschweige denn teure Mieten bezahlen.

Zudem kämen viele Menschen aus Osteuropa nach Deutschland, um hier Arbeit zu finden – manchmal ohne Erfolg, oder das Geld reiche trotz Job nicht für eine Wohnung. Zudem suchen vermehrt Flüchtlinge preiswerten Wohnraum.

Einige Städte haben zwar umfangreiche Wohnungsbauprogramme gestartet, aber insgesamt ist die Zahl der Baugenehmigungen für Wohnungen in Deutschland 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 7,3 Prozent gesunken, wie das Statistische Bundesamt gerade mitgeteilt hat. Die Genehmigung von Wohnungen in Wohnheimen, zu denen auch Flüchtlingsunterkünfte zählen, sank um 43,6 Prozent.

Die Folge: Vor allem in Ballungsgebieten herrscht ein gnadenloser Konkurrenzkampf auf dem Wohnungsmarkt. „Da hat es die typische Mittelschichtfamilie schon schwer, eine Wohnung zu finden“, sagt Rosenke. „Einerseits bekommt das Thema Wohnungsnot damit deutlich mehr Öffentlichkeit, andererseits haben Menschen, die arm oder arbeitslos sind, gegen solche Mitbewerber fast gar keine Chance mehr.“

Das Beispiel Berlin

„Es gibt hier inzwischen einen dramatischen Mangel an bezahlbaren Wohnungen“, sagt Regina Kneiding, Sprecherin der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Gleichzeitig würden die sozialen Probleme größer, viele Menschen könnten trotz Arbeit wegen prekärer Beschäftigungsverhältnissen kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten. „Aufstocker“ und Hartz-IV-Empfänger hätten es besonders schwer.

Denn: Der Staat übernimmt Mietkosten nur bis zu einer bestimmten Höhe. Erhöht sich die Miete, muss der Mieter eine preiswertere Wohnung suchen oder die Differenz von seinem ohnehin knappen Budget selbst zahlen. „Viele Menschen verschulden sich deshalb und können ihre Miete irgendwann nicht mehr zahlen“, sagt Kneiding. „Sie müssen ausziehen und finden dann oft keine neue, preiswertere Wohnung.“ Berlin werde den Mietkostenzuschuss deshalb im kommenden Jahr erhöhen.

Wer seine Wohnung dennoch nicht behalten kann, müsste eigentlich nicht auf der Straße leben. Menschen hätten einen gesetzlichen Anspruch auf Unterbringung, sagt Kneiding, etwa in einem staatlich finanzierten Wohnheim. Aber die Plätze sind begrenzt – und nicht jeder möchte dorthin.

Dass in Deutschland so viele Osteuropäer auf der Straße leben, liegt an den EU-Regeln zur Arbeitnehmerfreizügigkeit. Sie besagen: Unionsbürger dürfen zwar in Deutschland leben und arbeiten, haben aber nur unter bestimmten Bedingungen – in der Regel, wenn sie länger sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren – Anspruch auf staatliche Unterstützung. So will man Armutszuwanderung verhindern.

Berlin allerdings macht zumindest im Winter keine Unterschiede, wenn es darum geht, Obdachlose vor dem Erfrieren

 

Weiter lesen auf:

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/obdachlosigkeit-in-deutschland-wir-haben-ein-riesenproblem-a-1184255.html
Bildredakteur:

Niki Vogt

Textredakteur:

Niki Vogt

Quelle:

Der Spiegel

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