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Bild: Jules-Élie Delaunay "Die Pest in Rom", Ölbild, gemeinfrei

Pest: Freispruch für die Ratten

20. Januar 2018 | Allgemein | Gesundheit | Ernährung | Medizin | Wissenschaft | Forschung | Scinexx

Der „Schwarze Tod“ breitete sich durch Menschenflöhe und Kleiderläuse aus.

Überraschende Erkenntnis: Ratten und Rattenflöhe waren doch nicht die Hauptschuldigen am „Schwarzen Tod“. Denn die große Pestepidemie des Mittelalters wurde nicht von den Nagern verbreitet, sondern vorwiegend durch Menschenflöhe und Kleiderläuse, wie eine Analyse jetzt enthüllt. Die blutsaugenden Parasiten übertrugen den Pesterreger von Mensch zu Mensch und sorgten für rapide Ausbreitung der Seuche – ganz ohne Mithilfe der Ratten.

Die Pest hat im Laufe der Geschichte immer wieder verheerende Seuchen in Europa ausgelöst. Am schwerwiegendsten war jedoch die zweite Pandemie: Ab Mitte des 14. Jahrhunderts raffte der „Schwarze Tod“ ein Drittel der europäischen Bevölkerung hinweg. Der Erreger, das Bakterium Yersinia pestis, gelangte dabei wahrscheinlich über die Seidenstraße nach Europa. Einmal dort angekommen, sorgten Ratten und Rattenflöhe für die Verbreitung der Seuche – so jedenfalls dachte man bisher.

„Schwarzer Tod“ war anders

Doch dieses Szenario ist offenbar falsch, wie Katharine Dean und ihre Kollegen von der Universität Oslo herausgefunden haben. Zwar wurde die Pest bei späteren Seuchen wie der Epidemie in China im 19. Jahrhundert tatsächlich vorwiegend von Ratten und Rattenflöhen (Xenopsylla cheopis) übertragen. Auch bei den heutigen Ausbrüchen beispielsweise auf Madagaskar gelten die Nager als Hauptvektoren für den Erreger.

Aber ausgerechnet bei der schlimmsten Pestepidemie der Geschichte – dem Schwarzen Tod des Mittelalters – könnten die wahren Schuldigen andere sein. „Diese Epidemie verlief anders als bei den späteren, eindeutig mit Ratten assoziierten Seuchenzügen“, erklären die Forscher. So stiegen die Fallzahlen damals viel schneller an als bei den anderen Pandemien und auch die Übertragung innerhalb der Familien und Haushalte war im Mittelalter ungewöhnlich hoch.

Hinzu kommt: „Das damalige Klima in Nordeuropa war für die weite Verbreitung der Hausratte (Rattus rattus) nicht günstig, so die Wissenschaftler. „Das wird auch durch die wenigen Funde von Rattenüberresten in archäologischen Funden bestätigt.

Der Pestfloh, pulex irritans. Bild: © Katja ZSM/ CC-by-sa 3.0

Menschenflöhe und Kleiderläuse als Überträger?

Doch was war dann schuld an der rasanten Übertragung der Pest? Schon länger haben Forscher dafür andere lästige Mitbewohner des Menschen im Verdacht: Menschenflöhe (Pulex irritans) und Kleiderläuse (Pediculus humanus humanus). Sie waren im Mittelalter nahezu allgegenwärtig und sind dafür bekannt, Krankheiten zu übertragen. Ob sie auch bei der Ausbreitung der Pest eine Rolle spielten, war bisher jedoch unklar.

Um das herauszufinden, haben Dean und seine Kollegen jetzt den Verlauf von neun Pestausbrüchen während des Schwarzen Todes näher untersucht. In einem Modell verglichen sie die tatsächlichen Fallzahlen und das Muster der Ausbreitung mit den Verläufen bei Übertragung durch Ratten und Rattenflöhe, durch Menschenflöhe und Kleiderläuse oder aber durch direkte Mensch-zu-Mensch Übertragung wie bei der Lungenpest.

Freispruch für die Ratten

Das überraschende Ergebnis: Eine Übertragung durch Menschen-Flöhe und Läuse passt besser ins Bild als eine Verbreitung der Pest durch Ratten und Rattenflöhe. „Bei sieben der neun Ausbrüche kann das Szenario mit den menschlichen Ektoparasiten das Muster Mortalität am besten erklären“, berichten die Forscher. Die beiden restlichen Ausbrüche waren zu klein, um eindeutige Daten zu liefern.

Das aber bedeutet: Die lange als „Haupttäter“ geschmähten Ratten waren weitgehend unschuldig – zumindest beim Schwarzen Tod des Mittelalters. „Mit unseren Ergebnissen demonstrieren wir, dass nicht Ratten, sondern Ektoparasiten des Menschen der dominante Übertragungsweg während der zweiten Pandemie waren“, konstatieren Dean und ihre Kollegen. „Das könnte viele epidemiologische Unterschiede zwischen dieser Epidemie und späteren erklären.“

Sprung von Wirt zu Wirt

Schuldig am „Schwarzen Tod“ und seiner rasanten Ausbreitung waren demnach in erster Linie die damals massenhaft verbreiteten Menschenflöhe und Kleiderläuse. Die beengten und unhygienischen Bedingungen und die meist von der Familie gemeinsam genutzten Strohlager boten diesen Blutsaugern ideale Bedingungen, um von einem Wirt zum andere zu wechseln.

Mit ihrem Biss nahmen die Flöhe und Läuse dabei den Pesterreger auf und steckten bei ihrer nächsten Blutmahlzeit dann weitere Menschen an. Erst als sich in späteren Jahrhunderten die hygienischen Bedingungen verbesserten, trat dieser Übertragungsweg in den Hintergrund – und die noch immer weit verbreiteten Ratten und ihre Rattenflöhe übernahmen die Rolle. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2018; doi: 10.1073/pnas.1715640115)

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Scinexx

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