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Schlusslicht bei Mindestlöhnen in Westeuropa – Ist Deutschland (noch) ein reiches Land?

16. Februar 2020 | Allgemein | Familie | Soziales | Geschichte | Politik | Geo-Politik | Psychologie | Gesellschaft | Wirtschaft | Finanzen | Anti Spiegel

von Thomas Röper

Vor 30 Jahren prägte Bundeskanzler Kohl das Wort vom „Freizeitpark Deutschland“, weil Deutschland damals die höchsten Löhne und meisten Urlaubstage in Europa hatte. Lang, lang ist´s her…

Die Legende, Deutschland sei ein reiches Land, ist nicht zu halten. Deutschland steigt im internationalen Vergleich immer weiter ab. Auch wenn die Medien immer melden, wie gut es Deutschland geht, sehen das viele Menschen ganz anders. Und sie haben allen Grund dazu. Die Reallöhne sind in den letzten 30 Jahren in Deutschland praktisch nicht mehr gestiegen, bei unseren Nachbarn aber schon. Die von Politik und Medien vielgepriesene „Zurückhaltung“ der Gewerkschaften bei den Tarifverhandlungen hat den Unternehmen höhere Gewinne beschert, aber dazu geführt, dass Deutschland unter den wohlhabenden, westeuropäischen Ländern bei den Löhnen mittlerweile an letzter Stelle steht.

Das wird uns aber von den Medien und Politikern als Erfolg verkauft. Das schöne Schlagwort ist, dass die Wirtschaft wächst. Aber was interessiert das die Menschen, wenn ihre Löhne nicht mitwachsen? Nur die Frage stellen die Medien lieber gar nicht erst, der deutsche Michel könnte ja nachdenklich werden. Und dass die UNO Deutschland bereits 2018 wegen wachsender Kinderarmut, Niedriglöhnen, Lehrermangel, Pflegenotstand und so weiter kritisiert hat, wurde in Deutschland aus demselben Grund nie berichtet.

Stattdessen durfte zum Beispiel Wolfgang Schäuble im Januar mitteilen, dass hohe Sozialleistungen seiner Meinung nach schädlich wären:

„Zu üppige Sozialleistungen machen Menschen nach Ansicht von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble unglücklich. „Wir müssen die Balance zwischen Fordern und Fördern richtig einhalten“, mahnte er am Freitag beim Neujahrsempfang der Mittelstands- und Wirtschaftsunion Hamburg. „Denn wenn wir überfördern, zerstören wir die Motivation der Menschen (…) und machen sie unglücklicher.“ Schäuble sprach sich gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen aus. Müssten die Leute nicht mehr arbeiten, nehme ihnen der Staat den Anreiz, ihre persönliche Lebenserfüllung zu finden.“

Für die meisten Menschen gilt, dass sie arbeiten wollen. Arbeit bringt uns Bestätigung und soziale Kontakte. Jeder Mensch möchte sich gebraucht fühlen und viele finden dieses Gefühl bei der Arbeit. Aber nichts desto trotz könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen auch dazu führen, dass manche Menschen nicht mehr arbeiten wollen. Allerdings würde ich vermuten, dass viele von denen dann ihre Zeit nutzen würden, um sich woanders zu engagieren. Bestimmt würden sich viele Menschen gerne zum Beispiel für den Tierschutz einsetzen, können das aber heute nicht tun, weil sie einen Fulltime-Job haben und die Zeit einfach nicht da ist.

 

https://goldgrammy.de

 

Das ist natürlich nur meine Meinung und ich kann falsch liegen, aber ich denke, dass die allermeisten Menschen ihre freie Zeit nutzen würden, um sich für die Dinge zu engagieren, die ihnen wichtig sind. Und auch das bringt die Gesellschaft weiter.

Dass aber zum Beispiel eine Kassiererin im Supermarkt in ihrem Job „ihre persönliche Lebenserfüllung“ findet, wie Schäuble meint, wage ich zu bezweifeln. Und sollten Firmen Schwierigkeiten haben, Positionen zu besetzen, die nicht einem Traumjob entsprechen, sollten die Firmen die Löhne erhöhen und die Arbeitsbedingungen verbessern, um diese Jobs attraktiver zu machen. Das zumindest ist meine bescheidene Meinung.

Aber es geschieht das Gegenteil. Aktuell konnte man im Spiegel lesen, dass Deutschland den geringsten Mindestlohn in Westeuropa hat. In Frankreich, den Niederlanden und sogar Irland liegt er über zehn Euro, einzig in Belgien liegt er mit 9,66 Euro darunter. Und selbst in Großbritannien, welches nicht als soziales Paradies bekannt ist, wird er im April auf 9,93 angehoben. Deutschland bildet mit 9,35 Euro das Schlusslicht in Westeuropa.

Damit liegt Deutschland zwar noch deutlich vor den Ländern Süd- und Osteuropas, aber mit denen sollte sich Deutschland nicht vergleichen, wenn es sich als führendes und reiches Land bezeichnen möchte.

Ganz schlimm findet Schäuble, dass es in Finnland nun Projekte und Diskussionen gibt, die in diese Richtung gehen:

„Schäuble äußerte sich betroffen über die Zustimmung, die der angebliche Plan Finnlands für eine Vier-Tage-Woche mit täglich nur sechs Arbeitsstunden in der deutschen Öffentlichkeit gefunden habe.“

Es ist nicht nur Finnland, das darüber diskutiert, die Produktivitätszuwächse an die Menschen weiterzugeben. Auch in Russland diskutiert die Regierung darüber, ob die Einführung einer Vier-Tage-Woche sinnvoll ist. Aber davon hat in Deutschland – den Medien sei Dank – sicher noch niemand etwas gehört.

 

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