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Kampf um die Schrebergärten – Naturinseln, Familienspaß, Naherholung – und Beute für Großinvestoren

7. November 2018 | Gesundheit | Ernährung | Kultur | Kultur | Kunst | Musik | Natur | Umwelt | Psychologie | Gesellschaft | connectiv.events

Er gilt als Symbol deutschen Spießbürgertums, der kleine Schrebergarten, in dem pingelige, alte Leute ihre Mohrrübchen ziehen, Johannisbeeren und Äpfel pflücken, im Korb eine Vespermahlzeit mitbringen, um dann den Sonntagnachmittag nach erfolgreichem Buddeln mit Kaffee und Kuchen beschließen. Drumherum die Gartenzwerge schauen zu. Da wird schonmal um nicht commentgemäß gestutzte Ligusterhecken gestritten und die Satzung kann unerbittlich sein.

 

 

Aber in den meisten Kleingartenkolonien ist längst ein offenerer Geist eingezogen. Insbesondere, wo junge Leute nachrücken, wenn ein Kleingarten frei wird. Sie bringen kleine Kinder mit, sie lieben das Grün und dass ihre Kinder toben dürfen. Das arbeiten im Garten, zu sehen wie Dinge gedeihen, Erde an den Händen und der Geruch der Pflanzen sind für viele ein sehr lieb gewordener Ausgleich zum Stadtleben zwischen Etagenwohnung, Tiefgarage, Arbeitsplatz im Großraumbüro und Wochenende vor dem Fernseher geworden. Im Garten werkeln stellt den Anschluss an die Natur wieder ein bisschen her und die Kinder staunen, wie die eingegrabenen Kartoffeln Blätter treiben, Blüten bilden, im Herbst verwelken und dann im Boden echte, richtige Kartoffeln ausgegraben werden können. Dann noch ein Herbstfeuerchen zum Verbrennen der trockenen Zweige und in der Glut gegarte Kartoffeln aus eigenem Garten – für Kinder wertvoller als jede Stunde Heimat- und Sachkundeunterricht.

 

 

Doch das Generationen-Idyll ist bedroht. Die Städte platzen aus allen Nähten und jeder Quadratmeter möglicher Baugrund ist astronomisch teuer. Kein Wunder, dass die begehrlichen Blicke von Wohnungsbauentwicklern auf den kleinen, parzellierten Grünflächen ruhen, die ein bisschen wirken, als wären sie Inseln in der Zeit, mit kleinen Apfelbäumchen und Holzhüttchen und schmalen, heckengesäumten Wegen inmitten der Megastädte. Und gerade Berlin, arm, aber sexy, braucht Geld. So eine Schrebergartensiedlung an einen Immobilienladen zu verkaufen kann leicht einen dreistelligen Millionenbetrag in die Stadtkasse pumpen.

 

 

In den großen Ballungsräumen kommen die Kleingartenanlagen daher unter Druck. Die Wohnungsknappheit lässt die Kaufpreise explodieren und die Mieten unaufhörlich weiter steigen. Die Schrebergartenflächen würden ersteinmal Abhilfe schaffen und das Stadtsäckel füllen. Zumal die Laubenpieper nur eine geringe, jährliche Pacht für die Nutzung ihrer Gärten zahlen. Berlin hat schon einige Gartenkolonien „zurückgebaut“, wie es so schön im Amtsdeutsch heißt. Manche von diesen Kolonien liegen tatsächlich direkt in der Stadt selbst. Früher waren sie am Rand, doch die Stadt wucherte drumherum, wie ein riesiger Tumor. Viele Kolonien sind dem Tumor schon zum Opfer gefallen.

„Mehr als 200 Parzellen in Kleingärten fielen der Verlängerung der A100 in Neukölln zum Opfer. Die Kolonien „Reichsbahn Adlershof“ in Treptow, „Oeynhausen“ in Wilmersdorf sind stark gefährdet, in Pankow die Kolonie „Famos“. Das sind nur einige der bedrohten Kleingärten in der Stadt.“ 

 

Hier noch ein Video, wie man so einen Kleingarten denn „einrichtet“:

 

Nur haben es die Stadtplaner bei den Schrebergärtnern mit einem rebellischen Klientel zu tun. Die machen richtig Bambule, wenn sie wittern, dass ihr Idyll abgerissen und planiert werden soll- und sie helfen sich untereinander. Man kann so eine Gartenkolonie auch nicht einfach umsiedeln. Zwar muss nach dem Bundeskleingartengesetz (ja, das gibt es auch!) dann woanders Ersatz geschaffen werden. Aber die Laubenpieper müssten dann zuerst einmal quer durch die Stadt in die Vororte fahren, um zu ihrer Parzelle zu kommen, was in Großstädten wie Berlin, Frankfurt und München durchaus eine Stunde dauern kann. Und dann bedeutet es auch, auf der blanken Scholle wieder ganz neu anzufangen. Kein kleines Holzhäuschen mehr, das sich in den Schatten alter Bäume kuschelt. Richtige Bäume wird erst die dritte Generation Kleingärtner wieder sehen können. Beerensträucher, Obstbäume, Schlingpflanzen, all das braucht Jahre, bis die Naturoase wieder so schön geworden ist, wie sie war.

 

 

Die Kleingartenkolonien tragen auch sehr viel zum Erhalt der Artenvielfalt bei. Auf dem Land draußen, wo es um schiere Erträge auf den Äckern und zeit- und geldsparendes Abernten geht, finden sich nur noch hektarweise die Monokulturen. Die Kleingärtner schaffen dagegen mit ihren Büschen, Bäumen, Blumenbeeten, Gartenteichlein, Vogelhäuschen und Futterstationen eine Vielfalt und so eine große Pflanzenauswahl, dass hier Insekten, Eichhörnchen, Igel, Füchse, Marder, Frösche Kröten, Vögel aller Art, Spitz- und andere Mäuse, der ungeliebte Maulwurf, Kaninchen, Hasen, Rehe, Siebenschläfer, Wiesel, Wildbienen – aber auch Honigbienen und viele andere Tiere ein für die paradiesisches Biotop finden. Zumal in den Kleingartenkolonien so gut wie keine Pestizide und Insektizide ausgebracht werden. Es würde Jahre dauern, bevor diese Flora und Fauna sich neu etabliert. Und die jetzt dort lebende Fauna wäre dem Tode geweiht.

Die Kleingärtner wissen sehr gut, wofür sie auf die Barrikaden gehen. Nicht nur für ihr kleines, privates Glück. Sie verteidigen Landschaftsschutz, Artenvielfalt, Naturschutz, giftfreies Gärtnern, Luftverbesserung und einen gesünderen Lebensstil.

 

 

Nach dem Krieg waren es die Kleingärtner, die die schlimmste Not in der Stadt lindern konnten. Ihre Früchte, Gemüse und Kartoffeln waren ein wichtiger Beitrag zur Lebensmittelversorgung. Die Idee war nicht neu. Schon im Mittelalter waren auf den Burgen bestimmte Flächen auch zum Gärtnern vorgesehen. Damit und mit den eingelagerten Vorräten, ließ sich eine Belagerung länger überstehen. Heute entdecken gerade die jüngeren, dass man aus den Schrebergärten auch einen neuen Lebensstil und einen Hype machen kann.

Bei dem Stadtteil Oberrad im Südosten Frankfurts liegt ein blühendes Gartenidyll direkt an der ICE-Trasse. Von da aus kann man die Mainhattan-Skyline sehen:

„Hier hat sich die Genossenschaft „Die Kooperation“ gebildet, die Frankfurter Haushalte damit lockt, Gemüse, Obst und Biolimonade günstig kaufen zu können. Die Aktivisten arbeiten mit nahe gelegenen landwirtschaftlichen Betrieben zusammen, in einigen Jahren sollen von hier bis zu 30.000 Stadtbewohner mit Frischlebensmitteln versorgt werden. Unter den Stadtgärtnern sind Bauwagenbewohner, Anhänger der einstigen Lebensreformbewegung, Alte und Junge, die einen Rückzugsort ersehnen, an dem sie Blumensamen pflanzen und Weißkohl für das Sauerkraut setzen können. Sie versorgen Menschen und Tiere, züchten Bienen, feiern Erntefeste und laden zu den beliebten Lämmerwanderungen ein. Sie nehmen für sich in Anspruch, mit ihren Angeboten Städter zu erreichen, die sich sonst kaum mit Ernährung und Umwelt befassen.“

 

 

 

Hier – und auch anderswo – ist eine Entwicklung zu einer Fusion aus „Urban Gardening“, „Guerilla-Gardening“ und Schrebergärtnern zu beobachten. Eine Mixtur, die auf große Begeisterung der Städter stößt, und die Nachfrage nach solchen Gartenkolonien deutlich erhöht. 12.000 Stehen allein in Berlin auf der Warteliste. Da kommt es nicht gut, wenn die Stadtplaner auch die wenigen bestehenden grünen Paradiese plattwalzen wollen. Im Gegenteil: Manche Städte denken nun konkret über neue Kleingartenanlagen nach, weil sie die Lebensqualität der Städte, die Luft und die Freizeitmöglichkeiten verbessern. Die Schreberkolonien sind oft nicht mehr hermetisch abgegrenzte Bereiche, in die Außenstehende nicht hereindürfen. Mehr und mehr öffnen sich die letzten Rückzugsorte des deutschen Gartenzwerges für die Städter. Man organisiert Feste, Kinder-tobe-Tage, Erntedank, Märkte, Kurse zum Selbergärtnern, Vorträge über Naturschutz im eigenen Garten, Bienenhaltung, Honigverkauf, Kindergeburtstage im Grünen, Bauwagencafés laden zum selbstgebackenen Kuchen ein.

Und ganz Progressive lieben schon wieder den Gartenzwerg.

 

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