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„Was ist los mit Erdogan?“

3. März 2020 | Allgemein | Kriege | Revolutionen | Politik | Geo-Politik | Wirtschaft | Finanzen | Anti Spiegel

von Thomas Röper 

Natürlich war die Verschärfung der Lage in Syrien am Sonntag auch Thema in der russischen Sendung „Nachrichten der Woche“.

Inzwischen ist bekannt geworden, dass Putin und Erdogan sich am 5. März in Moskau treffen werden. Vor diesem Hintergrund ist es interessant, wie das russische Fernsehen über die Eskalation in Syrien berichtet. Daher habe ich den Bericht des russischen Fernsehens zu dem Thema übersetzt. Besonders interessant ist dabei der Bericht des russischen Korrespondenten in Syrien, da westliche Medien keine Journalisten in Syrien haben und es daher auch keine Berichte aus Syrien, sondern nur über Syrien gibt. Der Bericht des Korrespondenten dürfte mit meiner Übersetzung auch ohne Russischkenntnisse verständlich sein.

Beginn der Übersetzung:

Schlechte Nachrichten aus der syrischen Provinz Idlib. „Nachrichten der Woche“ hat bereits berichtet, dass die Türkei dort ein massives Kontingent ihrer Truppen zusammengezogen hat, angeblich um ihre Beobachtungsposten zu schützen. Aber die Beobachtungsposten der Türkei sind nicht bedroht, ihre Koordinaten sind bekannt und die syrische Armee und die russischen Streitkräfte umgehen sie. Gemäß der getroffenen Vereinbarungen sollte kein türkisches Militär in Idlib sein.

Das wurde bei der Sitzung des russischen Sicherheitsrates am Freitag, die übrigens von Präsident Putin unmittelbar nach einem Telefonat mit seinem türkischen Amtskollegen Erdogan abgehalten wurde, unterstrichen. Erdogan hat Putin selbst angerufen. In dem Gespräch wurde betont, wie wichtig es ist, die Koordinierung zwischen den Militärs beider Länder zu verbessern.

Und das alles, weil am Vortag 30 oder 33 Soldaten der türkischen Armee in Idlib durch syrische Luftangriffe ums Leben gekommen sind. Solche Verluste hatte Erdogan in Syrien schon lange nicht mehr. Im Namen Russlands drückte Sergej Lawrow sein Beileid aus. Gleichzeitig erklärte Lawrow, dass das türkische Militär seine Koordinaten unter Missachtung der Abkommen nicht mitgeteilt habe. Aber es ist nur das halbe Problem. Schlimmer ist, dass die Opfer mit Terroristen Schulter an Schulter gekämpft haben.

 

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„In den mitgeteilten Koordinaten waren die Orte, an denen das türkische Militär, das in den Reihen terroristischer Gruppen gekämpft hat, nicht enthalten. Wir haben unsere syrischen Kollegen gebeten, eine Pause in den Kämpfen einzulegen und alles getan, um die sichere Evakuierung der Verwundeten und den Abtransport der Leichen der toten türkischen Soldaten auf türkisches Territorium zu gewährleisten“, sagte der russische Außenminister.

So sieht es aus. Als Folge dieses Angriffs war die syrische Armee gezwungen, die wichtigte Stadt Saraqib den Terroristen zu überlassen, die vor drei Wochen zurückerobert worden war. Dieser Ort ist von grundlegender Bedeutung, da die Straße Damaskus-Aleppo von dort aus kontrolliert wird. Jetzt ist der Verkehr zwischen den beiden größten Städten Syriens unterbrochen. (Anm. d. Übers.: Am Montag wurde gemeldet, dass Syrien den Ort wieder eingenommen hat)

Erdogan, der seine im September 2018 in Sotschi eingegangenen Verpflichtungen nicht erfüllt hat, beeilte sich, die NATO zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen zu rufen. Die Alliierten haben ihm ihr Mitgefühl ausgesprochen und zu einem sofortigen Waffenstillstand in Idlib aufgerufen, aber die Anwendung von Artikel 5 der Charta, die militärische Hilfe der Allianz im Falle eines Angriffs auf einen der Mitgliedsstaaten vorsieht, wurde nicht angewendet, denn niemand hat die Türkei angegriffen. Sie ist selbst, sozusagen, „zu Gast“.

Aus Syrien berichtet unser Korrespondent Evgeny Poddubny.

Die Türkei hat Syrien noch nicht den Krieg erklärt, aber es ist eine umfassende Invasion in die Arabische Republik und nicht nur der Versuch, eine der abscheulichsten Terrorgruppen der Welt vor der Niederlage zu bewahren. Die Operation wurde von Ankara sogar „Frühlingsschild“ genannt. Den Namen hat man sich wohl in aller Eile ausgedacht.

Türkische Militärs haben zwei syrische SU-24 am Himmel über Idlib abgeschossen, die Piloten konnten sich mit dem Schleudersitz retten. Das türkische Verteidigungsministerium sagt, dass die Frontbomber abgeschossen wurden, als sie versuchten, türkische Kampfjets anzugreifen. Das ist eine lächerliche Erklärung.

Syriens Verteidigungsministerium sagt, das Leben der Offiziere sei nicht in Gefahr. Die Regierung hat den syrischen Luftraum geschlossen, alle unfreundlichen Flugzeuge würden zerstört, meldet Damaskus.

Türkische Raketenartillerie beschießt die syrische Armee. Die Raketenwerfer vom Typ T-300 mit einer Reichweite von bis zu 100 Kilometern sind mit Raketen mit Streubomben ausgestattet. Das ist kein hybrider Krieg mehr, jetzt kämpfen türkische Soldaten zusammen mit Gruppen von syrischen Radikalen.

Diese Aufnahmen, die von Ankara verbreitet werden, zeigen, wie die Türkei das syrische Militär aus der Luft ins Visier nimmt. Das türkische Verteidigungsministerium setzt bewaffnete Drohnen ein. Es sind mehr als ein Dutzend türkische Drohnen gleichzeitig am Himmel über Idlib aktiv.

Diese Bilder zeigen Drohnen, die von der türkischen Armee am syrischen Himmel eingesetzt werden. Es gibt mehrere Modifikationen der von Turkish Aerospace Industries produzierten Drohnen, die eine Nutzlast, also Raketen und Bomben, von zweihundert Kilogramm tragen können. Ihre Flughöhe beträgt 9 Kilometer. Diese Bayraktar TB2 Drohne kann für 24 Stunden in der Luft bleiben, unter dem Flügel trägt sie Anti-Panzer-Raketen und kann sie aus einer Höhe von mehr als 6.000 Metern abfeuern. Das türkische Verteidigungsministerium setzt auch verschiedene Aufklärungsdrohnen ein.

Obwohl ein Teil der von Ankara veröffentlichten Videos alt sind, läuft der Informationskrieg weiter. Die Türkei hat den Einsatz in Idlib so weit wie möglich erhöht. Dabei kämpft sie gegen eine syrische Armee, die technisch 30 Jahre im Rückstand liegt. Immer wieder stoppt sie Angriffe der militanten, terroristischen Gruppen, die mit türkischer Unterstützung operieren.

 

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Am schwierigsten ist die Situation in der Gegend von Saraqib. Das ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, an dem die Autobahn M4 Latakia-Aleppo und die M5 Damaskus-Aleppo liegt. Hier finden die heftigsten Schlachten statt, hier ist auch der Ort der größten Aktivität der türkischen Streitkräfte. Und hier hat Ankara die größten Verluste.

Die Türkei hat bereits den Tod von mehr als 30 Soldaten in der Provinz Idlib zugegeben, aber Experten sagen, dass die Zahlen untertrieben sind. Die Verantwortung für den Tod der türkischen Soldaten in Idlib liegt bei der politischen Führung der Türkei.

Soldaten und Offiziere der türkischen Streitkräfte kämpften zusammen mit der Terrorgruppe Hay’at Tahrir al-Sham, aber aus offensichtlichen Gründen wurde das russische Versöhnungszentrum nicht informiert, das die Hauptkoordinierungsstelle ist. Daher waren die Angriffe des syrisches Militärs gerechtfertigt. Dieser Schlag zwang das türkische Militär übrigens, vor Ort vorsichtiger zu handeln.

Aber solche Beweise für die aktive Beteiligung der Türkei an den Aktionen von Terroristen interessiert sich niemand. Je weiter Ankara im wörtlichen und im übertragenen Sinne nach Idlib eindringt, desto mehr Schaden nimmt die Reputation der Türkei. Das sind Aufnahmen von der Behandlung von Gefangenen durch das türkische Militär: Die Soldaten schlagen gerade einen Syrer. Sogar der Militante versucht die Gäste in Idlib zu besänftigen.

Während Ankara schon fast alle Trümpfe ausgespielt hat, kann die syrische Armee immer noch überraschen. Allein in den letzten zwei Tagen hat Syrien mehrere Drohnen abgeschossen. Hier sind Aufnahmen vom Abschuss einer ANKA-Drohne. Brennend fiel sie auf das von Terroristen kontrollierte Gebiet. Hay’at Tahrir al-Sham Kämpfer posieren mit dem Wrack, sie glauben, es ist eine syrische Drohne. Selbst die Kennzeichen der türkischen Luftwaffe auf dem Flügel bemerken sie nicht.

Und das ist nur der Anfang. Wenn Drohnen en masse vom Himmel fallen, und das wird wohl passieren, wird das, gelinde gesagt, die türkische Armee und die Terroristen aus ihrer Komfortzone holen.

Es ist klar, dass viel durch ein persönliches Treffen zwischen den Präsidenten Russlands und der Türkei gelöst werden kann. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte nach dem Telefonat der Präsidenten, ein solchen Treffens sie bereits diese Woche möglich: „Im Moment, auch nach dem Telefongespräch zwischen den beiden Präsidenten, wird die Möglichkeit eines Gipfeltreffens am 5. oder 6. März, also nächste Woche, erarbeitet.“ (Anm. d. Übers.: Am Montag wurde bekannt, dass das Treffen am 5. März in Moskau stattfindet)

 

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Es scheint, dass Erdogan vor dem Treffen nicht daran interessiert ist, eine gute Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Sein Verhältnis zu Europa und zur arabischen Welt ist verdorben, in Libyen hat er interveniert, er hat Feindseligkeiten gegen die syrische Armee begonnen, ohne die Meinung des Iran zu berücksichtigen und von der NATO hat er nur warme Worte erhalten. Der türkische Präsident begibt sich auf ein riskantes Abenteuer, zu dem ihn die Vereinigten Staaten aus Rache drängen.

Gleichzeitig macht der türkische Staatschef in den Beziehungen zu Russland, von denen Erdogan nach der Entschuldigung für das 2015 abgeschossene Flugzeug nur profitiert hat, einen Fehler nach dem anderen. Und es ist nicht einmal ganz klar, was der Grund ist. Hat er sich verkalkuliert, oder hat er neue Absichten? Russland verhält sich immer noch zurückhaltend und lässt Erdogan eine Chance, aber es ist klar, dass die Geduld im Kreml Grenzen hat.

Und was Putin ganz sicher nicht mag, ist Unzuverlässigkeit, aber noch schlimmer ist für ihn Unehrlichkeit.

Ende der Übersetzung


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